Veranstalter International
Tagung "Kollektive Intelligenz" , Dr. med. Albrecht Mahr
ISAIL -Institut fur Systemaufstellungen und Integrative Losungen
Wurzburg
FPA - Forschungsgruppe Politische Aufstellungen e.V und - FAB Friendship
Across Borders e.V.
Wir waren über Ostern einige Tage im Urlaub und sind dort diesen
Beiden begegnet – unseren freundlichen Begleitern und Schutzpatronen
für diese Tagung:

Viele von Ihnen kennen sie: es ist der Erzengel Gabriel bei seiner
Verkündigung der Geburt Jesu und rechts Maria als sie die Botschaft
empfängt. Sie sind um 1280 geschaffen, und sie sind im Dom S.
Peter in Regensburg zu finden. Der religiöse oder kunsthistorische
Hintergrund spielt für mich hier keine Rolle – es könnten
genauso gut jüdische oder buddhistische Gestalten oder einfach
andere menschliche Gesichter sein - es kommt darauf an, was die beiden
Engel - so nenne ich sie der Einfachheit halber – zum Ausdruck
bringen: Freundlichkeit, Heiterkeit und Leichtigkeit.
Was haben diese Qualitäten unserer beiden Engel mit kollektiver
Weisheit zu tun? Nun, kollektive Weisheit hat mit den Fragen zu tun,
die uns wirklich am Herzen liegen. Ganz wie es im World Café
heißt, das wir gleich miteinander praktizieren werden: Wir können
es uns nicht leisten, unsere Zeit und unser Leben mit Fragen zu vertun,
die unseren Geist nicht erfüllen und die nicht wirklich unsere
Herzen berühren.
Und wir wissen das: was unsere Herzen wirklich berührt, lässt
uns auch lächeln, und es hat oft die Qualität von Leichtigkeit;
es schließt ganz natürlich unser Interesse an den Herzensangelegenheiten
der anderen, unserer Mitmenschen ein; und unsere Herzensfragen bringen
uns in Verbindung mit unserer natürlichen mitfühlenden Großzügigkeit
und Einschließlichkeit gerade auch dem und denen gegenüber,
die uns zunächst unvertraut, fremd oder gar abstoßend erscheinen.
Was ist kollektive Intelligenz?
Nun, was ist kollektive Intelligenz- das Thema unserer Tagung? Ich
möchte nur einige wenige Merkmale nennen.
1. Bei kollektiver Intelligenz geht es um etwas scheinbar
Paradoxes.
Kurzgefasst wird kollektive Intelligenz beschrieben mit: „Gemeinsam
wissen wir mehr“. Wenn eine für uns alle wichtige Frage
die Wirkung eines Attraktors annimmt und die Gruppe um sich versammelt,
kann etwas Drittes, etwas Neues in unserer Mitte Gestalt annehmen,
das mehr als die Summe aller Einzelnen ist und eine besondere Verbindung
untereinander stiftet.
UND: während der oder die Einzelne etwas zurücktritt
und Teil eines größeren Gemeinsamen wird, leuchtet sie
oder er gleichzeitig in ihrer und seiner individuellen Einzigartigkeit,
Unaustauschbarkeit und Besonderheit auf. Die bewusste Erfahrung kollektiver
Weisheit und die bewusste Erfahrung, dabei ganz unverwechselbar wir
selbst zu werden, sind ein Prozess und eine Bewegung.
Aus diesem Bewusstsein, diesem „Zusammen-Wissen“ –
das lateinische Wort für Bewusstsein conscientia, englisch conscience
enthält dieses con-scire, zusammen wissen – aus diesem
„Bewusstsein aus Zusammen-Wissen“ also können tatsächlich
in allen Lebensbereichen, vom Familiären bis zum Politischen,
neue Lösungen möglich werden, die uns zunächst unvorstellbar
schienen. (Übrigens: vielleicht versuchen wir, kollektive Weisheit
auch dann zu entwickeln, wenn wir allein sind: wir führen Selbst-Gespräche
– wir versuchen, zusammen mit einem andern Ich zu sprechen,
zusammen mehr zu wissen!)
Beispiel: ein Bergführer erzählte mir
vor einigen Jahren von einem Überlebenstraining mit einer Gruppe
von 20 Teilnehmern in Kanada. Als eine Frau plötzlich hohes Fieber
und schwerste Unterleibschmerzen bekam, sich kein Arzt in der Gruppe
befand und die nächste Telefonstation mindestens 12 Fußstunden
entfernt war, bat der Bergführer die Gruppe um folgendes: jeder
sollte auf einen Zettel 2 Dinge schreiben: erstens die wahrscheinliche
Diagnose und die Gefährlichkeit der Situation, und zweitens was
zu tun ist. Die Zettel wurden dann vorgelesen und bei jedem Punkt
wurde abgestimmt, bis die Entscheidung klar wurde. Wahrscheinliche
Diagnose: akute Blinddarmentzündung mit unmittelbarer Lebensgefahr;
zu tun war: Entfachen eines Waldbrandes nicht weit von einer Lichtung,
Auslegen eines SOS-Zeichens mit den farbigen Anoraks der Teilnehmer,
-beide Maßnahmen, um die Piloten überfliegender Flugzeuge
aufmerksam zu machen und sie zur Weitergabe eines Notsignals zu veranlassen.
Die Frau war innerhalb von 6 Stunden auf dem Operationstisch und konnte
gerade noch gerettet werden. Der Bergführer kommentierte: alleine
wäre ich niemals auf diese Idee gekommen!
2. Kollektive Weisheit kennt keine besonderen Experten –
es gibt nur Experten. Kollektive Weisheit kann viel leichter dort
auftreten, wo wir es zulassen, die oft so hinderlichen Hierarchie-Grenzen
oder die Grenzen durch ethnische oder religiöse Zugehörigkeit
zu lockern oder ganz zu suspendieren.
Wir sind hier natürlich sehr glücklich über unsere
vielen Referenten-Experten und neugierig auf ihr Wissen, ihre Erfahrungen
und ihre Inspiration. Aber auf der Ebene von kollektiver Weisheit
gibt es keine Bedeutungs- oder fachlichen Unterschiede, wir sind alle
ebenbürtig – und das ist für uns alle eine schöne
Herausforderung! Wenn wir dazu neigen, uns selbst eher kleiner und
andere größer zu sehen, so können wir hier anfangen,
damit zu spielen und diese Haltung aufzugeben. Wenn wir in Positionen
sind oder dazu neigen, andere zu führen und anzuleiten, so können
wir diese Fähigkeit hier dazu nutzen, die anderen zu Ebenbürtigkeit
zu ermutigen und sie herauszufordern, ihr eigenes Potenzial zu kollektiver
Intelligenz wahrzunehmen.
Vielleicht aber gibt es ja doch Experten in kollektiver Weisheit:
das sind diejenigen, die ein besonders großes Vertrauen in kollektive
Weisheit haben, und in die Möglichkeiten, sie zu fördern.
Hier das Beispiel von einem solchen Experten, der mit einer liebevollen
Bemerkung kollektive Weisheit in einem kleinen Unternehmen geweckt
hat und es so vor dem Untergang bewahrt hat. Die Begebenheit betrifft
Elemente, die für die Entfaltung kollektiver Intelligenz zentral
sind:
Anerkennung und Wertschätzung von Unterschieden; und damit: Achtung
und Respekt als Grundhaltung anderen gegenüber; und: Wertschätzung
und Anerkennung auch der eigenen Würde.
Manche von Ihnen mögen diese Geschichte schon kennen:
Es ist die Rede von einem einstmals blühenden Kloster,
das zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach einer langen Periode des
Niedergangs soweit dezimiert war, dass nur noch 5 Mönche in
dem verfallenden Mutterhaus übrig waren, nämlich der Abt
und vier Mönche, alle über 70 Jahre. Ganz klar handelte
es sich um einen sterbenden Orden.
Dem Abt, der sich wegen des bevorstehenden Todes seines Ordens
quälte, kam es einen Tages in den Sinn, die nahegelegene Einsiedelei
eines alten Rabbi zu besuchen und ihn zu bitten, ob er vielleicht
einen Rat wüsste, wie das Kloster zu retten sei. Alls der Abt
den Zweck seines Besuches erklärte,
konnte der Rabbi nur seine Anteilnahme bekunden
„Ich weiß, wie es ist!“, rief er aus. „Der
Geist hat die Leute verlassen. Es ist dasselbe in meiner Gemeinde.
Fast niemand kommt mehr zur Synagoge.“ So weinten der alte
Abt und der alte Rabbi mitein-ander. Dann lasen sie Passagen aus
der Thora und sprachen leise von tiefen Dingen. Die Zeit kam für
den Abt, Abschied zu nehmen. Sie umarmten einander. „Es war
wunderbar, dass wir uns nach langer Zeit einmal wieder begegnet
sind“, sagte der Abt, „aber trotzdem habe ich den Zweck
meines Besuches nicht erfüllt. Gibt es nichts, was du mir sagen
könntest, keinen Rat, den du mir geben kannst, der mir helfen
könnte, meinen sterbenden Orden zu retten?“ „Nein,
es tut mir leid“, antwortete der Rabbi. „Ich habe keinen
Rat zu geben. Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass der Messias
einer von euch ist.“
Als der Abt zum Kloster zurückkehrte, umringten ihn seine
Klosterbrüder und wollten wissen: „Nun, was hat der Rabbi
gesagt?“
„Er konnte mir nicht helfen“, antwortete der Abt.
„Wir haben nur geweint und zusammen die Thora gelesen. Das
einzige, was er sagte, als ich gerade im Begriff war, zu gehen –
es war ziemlich geheimnisvoll – war, dass der Messias einer
von uns ist. Ich weiß nicht, was er meinte.“
In den darauf folgenden Tagen und Wochen und Monaten sannen
die alten Mönche darüber nach, und fragten sich, ob die
Worte des Rabbi wohl irgendeine Bedeutung haben könnten.
Der Messias ist einer von uns? Könnte er womöglich
gemeint haben, einer von uns Mönchen hier im Kloster? Wenn
ja, welchen von uns? Glaubt ihr, er meinte den Abt? Ja, wenn er
irgendeinen meinte, dann vermutlich den Abt. Er ist seit über
einer Generation unser geistiger Führer.
Andererseits, er könnte auch Bruder Thomas gemeint haben.
Gewiss ist Bruder Thomas ein heiliger Mann. Jeder weiß, dass
Thomas ein Mann des Lichts ist.
Gewiss könnte er nicht Bruder Elred gemeint haben! Elred mit
seinen schlechten Launen. Aber genauer besehen, auch wenn er den
Leuten ein Dorn im Auge ist, Elred hat praktisch immer recht. Oft
sehr recht. Vielleicht meinte der Rabbi tatsächlich Bruder
Elred.
Doch sicher nicht Bruder Philipp. Philipp ist so passiv, ein
richtiger Niemand. Doch andererseits, fast auf wundersame Weise,
hat er eine Gabe, immer da zu sein, wenn man ihn braucht. Er taucht
einfach wie durch ein Wunder an deiner Seite auf. Vielleicht ist
Philipp der Messias.
Selbstverständlich meinte der Rabbi nicht mich. Keineswegs
hätte er mich meinen können. Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher
Mensch. Doch angenommen, er meinte mich? Angenommen ich bin der
Messias?
Oh Gott, nicht ich. Ich könnte doch nicht so viel für
Dich sein, oder? --
Wie sie in dieser Weise nachdachten, begannen die alten Mönche
einander mit außerordentlichem Respekt zu behandeln, für
den unwahrscheinlichen Fall, dass einer von ihnen doch der Messias
wäre.
Und für den allerunwahrscheinlichsten Fall, dass jeder
der Mönche selber der Messias sein könnte, begannen sie,
auch sich selbst mit außerordentlichem Respekt zu behandeln.
Die seltenen Besucher des Klosters, so wird berichtet, begannen
die Ausstrahlung dieses ungewöhnlichen Respekts zu spüren,
die die fünf alten Mönche zu umgeben begonnen hatte und
die ganze Atmosphäre an dem Ort zu durchdringen schien. Der
Ort hatte etwas seltsam Anziehendes, ja Unwiderstehliches an sich.
Und so verwundert es vielleicht nicht, dass schließlich
Novizen um Aufnahme baten und das Kloster dank des Rabbinergeschenkes
im Laufe weniger Jahre zu neuem, pulsierenden Leben erwachte. —
Soweit diese Geschichte von den Experten, die wir alle sind.
Bitte betrachten Sie sich also für die Zeit unserer Tagung -und
natürlich auch darüber hinaus! – in diesem Sinn als
Fachleute, als Experten, die ihr ganz besonderes Potenzial zu gemeinschaftliche
Weisheit hierher mitbringen.
In der Tagespolitik kann man oft beobachten, wie schwer es fällt,
ein Expertenmonopol aufzulockern und es in viele Hände zu geben.
Vor ca. 10 Tagen (Mitte April 2006) hat unsere deutsche Familienministerin
mit der katholischen und der evangelischen Kirche Deutschlands ein
so genanntes „Bündnis für Erziehung“ gestartet,
um Eltern ausdrücklich „christliche Werte“ bei der
Erziehung ihrer Kinder an die Hand zu geben. Es gab sofort Irritation
bis Empörung bei den jüdischen und muslimischen Gemeinden,
ebenso bei anderen Gruppen wie Lehrerverbänden oder bei der Gewerkschaft
für Erziehung und Wissenschaft, die sich von dieser wichtigen
Frage der Wertevermittlung ausgeschlossen und damit entwertet fühlen.
Gibt es so etwas wie „christliche Werte“ oder liegt in
ihrer Behauptung, etwas überspitzt gesagt, nicht bereits eine
subtile Kriegserklärung gegen „die anderen“, z.B.
die anderen Religions-gemeinschaften?
Wie könnte ein alternatives Vorgehen von Seiten des Familienministeriums
aussehen, das die größere Leistungsfähigkeit von kollektiver
Lösungssuche bei dieser wichtigen Wertefrage nutzen würde?
Zum Beispiel ein World Café mit TeilnehmerInnen, die alle wesentlichen
Bevölkerungsgruppen einschließlich Kindern und Jugendlichen
repräsentieren und gemeinsam z.B. der Frage nachgehen „
Nach welchen Werte möchte ich behandelt werden? Und wie kann
ich dazu beitragen, dass alle anderen genau so behandelt werden?“
An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Exkurs einfügen
zu kollektiver Dummheit, Blindheit, Unterdrückung und
Destruktivität. Das Wort „kollektiv“ hat
für viele von uns bei den bis heute andauernden kollektiven Grausamkeiten
vor allem der jüngsten Geschichte auch einen unheimlichen und
erschreckenden Beiklang.
So lassen Sie mich für einen Moment fragen: was könnte
aus uns, den ca. 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser Tagung,
eine mehr oder weniger homogene, blinde und destruktive Masse machen?
Wie lange Zeit wäre dazu nötig – Jahrzehnte, oder
vielleicht nur Wochen, Tage oder gar Stunden? Und welche äußeren
und inneren Umstände könnten dazu führen?
Viele Faktoren für eine solche Entwicklung sind ja bekannt:
wirtschaftliche Not und Armut, die kollektive Demütigung z.B.
nach verlorenen Kriegen, eine äußere Bedrohung wie bevorstehender
oder bereits eingetretener Krieg, das damit einhergehende kollektive
Bedürfnis nach starker charismatischer und quasi-religiöser
Führung - und vieles mehr.
Ich möchte hier nur einen ganz alltäglichen Faktor nennen,
der den Samen für kollektive Blindheit und Krieg in sich trägt:
wir sehen „dort“ „die anderen“, die in unseren
Augen etwas Befremdliches, Schlechtes oder Schädliches verkörpern
oder tun.
Hier in unseren Kreisen sind solche „anderen-dort“ z.B.
die religiösen Fundamentalisten, die Rechtsradikalen und die
Neo-Nazis, die Terroristen, die Globalisierer, manchmal auch „die
amerikanische Regierung“ etc. etc. – von der Ablehnung
über ihre Entwertung und Verurteilung bis hin zu Wünschen
und vermeintlich berechtigten Handlungen, sie zum Verschwinden zu
bringen, sind es nur wenige Schritte, zu denen jede und jeder von
uns in der Lage ist. Das haben nicht nur die kollektiven Verbrechen
im letzten Jahrhundert erneut bewiesen sondern auch die erschreckend
einfachen Experimente von Milgram und später von Zimbardo in
den 70erJahren. Bei diesen Versuchen waren Menschen wie wir innerhalb
von Stunden bzw. wenigen Tagen zu schweren Grausamkeiten gegenüber
den Versuchspersonen bereit. Zimbardo’s Versuche wurden in letzter
Zeit wieder unmittelbar bestätigt in Berichten über die
sehr rasch eintretende Brutalisierung von Gefängnispersonal auf
der ganzen Welt, nicht nur in Abu Ghraib.
Worauf ich hinaus will, ist dies: wir sind hier ja keine ganz besonderen
Menschen, schon gar keine Versammlung von Heiligen. Wir alle neigen
zum Be- und zum Verurteilen, mal ganz deutlich, oft nur subtil. Und
mit jedem dieser Urteile nähren wir den Samen von Ausschluss
und von kollektiver Blindheit. Das Be– und Ver-Urteilen betrifft
oft zuerst uns selbst, und in der Folge dann auch viele andere.
Ich schlage also vor, dass wir für diese 3 Tage eine kleine
Achtsamkeitsübung aufnehmen: dass wir immer wieder einmal innehalten
und einfach wahrnehmen, wie wir uns selbst und andere jetzt eben sehen.
Und wenn wir erkennen, dass wir zum Urteilen gegen uns selbst neigen
oder gegen andere, können wir ein paar gute Atemzüge nehmen,
etwas Freundlichkeit und Mitgefühl für uns und die anderen
entwickeln, das Urteilen einmal für einen Moment ablegen und
vielleicht die Erleichterung spüren, die damit verbunden ist.
Das ist eine wunderbare kleine Übung und in summa ein ebenso
wunderbarer kleiner Beitrag zu einem klugen Umgang mit dem kriegerischen
Potenzial in uns und damit zu kollektiver Weisheit im besten Sinn.
3. Ein nicht immer ausdrücklich genanntes Element von
kollektiver Intelligenz ist natürlich Gewaltlosigkeit.
Einerseits entspricht Gewaltlosigkeit unserer ursprünglichen
Natur, unserm ursprünglichen Gut-Sein, wie die Buddhisten sagen.
Es braucht aber, wie gesagt, nicht viel, um die Verbindung zu dieser
inneren Klarheit aufzugeben und zu verlieren.
Dazu kann am berufensten Marshall Rosenberg sprechen – heute
Abend nach der Abendpause - dessen Lebenswerk der gewaltfreien Kommunikation
gewidmet ist. Ich möchte es aber nicht versäumen, eine der
vielen Geschichten zu erzählen, die uns an die überraschenden
Optionen erinnern, die wir im Leben so oft haben. Die Geschichte wird
von Tom Atlee („The Tao of Democracy“) weitergegeben,
der seine Lebensaufgabe der Förderung der von ihm so genannten
„Co-Intelligenz“ gewidmet hat.
Hier die tatsächliche Begebenheit von einem Farmer in Indiana,
der von den wilden Hunden seines neuen Nachbarn bedroht war, die seine
Schafe anfielen und töteten. Die übliche Antwort von Schaf-Farmern
auf solche Vorfälle besteht natürlich in gerichtlicher Verfolgung,
in Stacheldrahtzäunen oder schließlich in Schusswaffen.
Der Mann hatte eine bessere Idee. Er schenkte den Kindern seines
Nachbarn Lämmer als Haustiere. Die Nachbarn banden daraufhin
ihre Hunde feiwillig an die Leine. Nach einer Weile entwickelte sich
ein freundschaftlicher Kontakt zwischen den beiden Familien. —
Nun möchte ich wieder auf unseren gemeinsamen nächsten
Schritt, das World Café zurückkommen. Peter Senge, der
einigen von Ihnen vielleicht bekannt ist als ein besonders kluger
und weitsichtiger Organisations-entwickler und ein sehr guter Kenner
des World Café, sagt darüber: „Das World Café
ist keine Technik. Es ist die Einladung dazu, miteinander auf eine
Weise zu sein, die schon immer Teil unserer (ursprünglichen)
Natur ist.“
Und Senge fügt hinzu: „Der dem World Café zugrunde
liegende Zweck ist es, den wahren Wünschen des Größeren
Ganzen Raum zu geben.“
Vielleicht klingt das zunächst zu groß oder zu abstrakt,
gemeint aber ist folgendes: beim World Café geht es darum,
unter freundlichen und angenehmen Bedingungen Gespräche zu führen,
die uns wichtig sind und die uns berühren.
Nun, was berührt uns am Ende wirklich, was ist das? Ich glaube,
es ist dies: dass wir herausfinden können, was wir an uns wertschätzen
und lieben. Dass wir unseren eigenen Grenzen und Mängeln Mitgefühl
entgegenbringen. Und dass wir mit diesem unserem Besten wie mit unseren
Begrenzungen beitragen können zum Wohl anderer, ja zum Gemeinwohl.
Wie Desmond Tutu sagt „Zum Gemeinwohl beizutragen ist im besten
Eigeninteresse.“
Was zählt und uns berührt, hat also überhaupt nichts
mit Geboten und Moral zu tun.
Ich erinnere mich zum Beispiel – und jeder hier hat solche
Beispiele erlebt - an einen Reifenmonteur in den USA, der, nachdem
wir stundenlang an einer einsamen Autobahn gewartet hatten, schließlich
aus der Nacht mit einem winzigen Montagewagen auftauchte und den geplatzten
Reifen unseres Wohnmobils wechselte: höchst konzentriert und
so präsent, als hätte er eben eine überraschende neue
Variante bei der Arbeit entdeckt, die er schon tausende mal ausgeführt
hatte; und vor allem: er arbeitete voller Vergnügen und lachte
andauernd.
Es geht also nicht um heroischen Altruismus o.ä., nein es geht
um einfache Gesten des Interesses, der Anteilnahme, des Mitgefühls
oder auch der Geduld dort, wo wir jetzt gerade sind – ob das
in einem der gegenwärtigen Krisengebiete der Welt ist oder, wie
wir hier, in einer Region, in der gerade Frieden herrscht. Um solche
einfachen und zentralen Fragen geht es, die wir zu Anfang unserer
Tagung im World Café stellen.
Die Tagung mündet und endet mit all ihren Strömungen im
Community Council am letzten Tag. Im Community Council, der alten
indianischen Stammestraditionen folgt, bildet sich die Ganzheit unserer
Tagungsgemeinschaft in acht Grundhaltungen und Lebensperspektiven
entsprechend den 8 Himmelsrichtungen ab. Mit den Worten von Ingrid
Ebeling (die das World Café und den Community Council zusammen
mit Andrea Steckert durchführt): „Aus diesen verschiedenen
Perspektiven …. wollen wir dann gemeinsam auf die erlebte Konferenz
schauen. Jetzt geht es darum, die vielfältigen Erlebnisse, die
Ergebnisse, die persönlichen und kollektiven Erfahrungen der
Tagung auf unsere spezifische Weise für die Gemeinschaft sichtbar
zu machen und nach draußen in die Welt zu tragen.“
- ENDE -